Lieber kritischer Qualitätsjournalismus!

Wir hätten’s nicht für möglich halten wollen – aber wie Du Dich Anfang Juli in einer kraftvollen Großanstrengung und unter Ausnutzung sämtlicher Synergieeffekte kurz­zeitig komplett abgeschafft hast, das hat uns dann doch gefallen. In ­Berlin trat nämlich singenderweise die Schauspielerin Barbra Streisand auf. Nun ist es ja gängige Volksmeinung zu behaupten, Homosexuelle erkenne man immer daran, daß sie, einem geheimen sexualgenetischen Code folgend, alle miteinander und automatisch Barbra Streisand gottgleich verehrten: ein billiges, ja dämliches Klischee, das wir wegen seiner schieren Plumpheit ablehnen. Von den Herren Schwuchteln erwarten wir nämlich einen weitaus ausgefeilteren, raffinierteren und originelleren Kunstgeschmack.
Was aber passiert? Die Streisand kommt in die Waldbühne, singt uraltes Fremdmaterial, liest dabei sämtliche Texte und alle vorhersehbaren Zwischenmoderationen (»Curryworst«, »Boulett-ä«) von einem ­rie­sigen Tele­prompter ab und nimmt ­dafür Eintrittspreise zwischen 120 und 560 Euro. Kritische Berichterstattung? No way: Die ­Tagesschau zeigt als ­unvermeidliche Parade­gäste ­Guido Wowereit und Klaus Westerwelle, beide jeweils mit ihren über ­alle Arschbacken strahlenden Gatten, und sowohl taz wie FAZ schicken ihre Homo­-Reporter zum Konzert, die zufrieden feststellen, daß die »Göttin« »immer noch mit guter Kraft« (taz) singe und »überraschend kenntnisreiche Bemerkungen über deutsche ­Kultur« (FAZ) vom Tele­prompter abzulesen in der Lage sei. Vielen Dank.
Am gleichen Wochenende warf der Computerhersteller Apple sein neues Mobiltelefon iPhone in den USA auf den Markt. Alle Fernsehsender zeigten lange Schlangen vor den Geschäften, die Berichterstattung über ein Industrieprodukt überschlug sich, und die Firma Apple, die sich bereits im März mit der bloßen Vorberichterstattung, daß es bald ein iPhone geben werde, über weltweite Gratis-PR »mit einem Werbewert von 400 Millionen Dollar« (so Harvard-Professor David Yoffie) freuen konnte, freute sich schon wieder; dies in einer Zeit, in der die muntere Verquickung von Journalismus und PR allenthalben gegeißelt wird. So etwa in der Süddeutschen, die ihre iPhone-Geschichten wenigstens noch in die Ressorts Technik bzw. Multimedia bzw. Panorama packte; dennoch beschwerten sich Leser in Online-Foren über die ganz offensichtliche »Zusammenlegung von Werbung und redaktionellem Teil«.
Aber auch die Sonntags-FAZ nahm sich dieses Mobiltelefons an, dessen Akku man schon nach acht Stunden wieder aufladen muß und das langsamer im Internet stochert als alle herkömmlichen Smart­phones. Kritische Berichterstattung? No way! Feuilletonchef Claudius Seidl erklärt, daß jetzt »nicht die Zeit für Konsumkritik« sei, zwingt seine Redakteure und den Althacker P. Glaser zur Abfassung von insgesamt vier (!) Artikeln über das Gerät (das keiner der Autoren je gesehen hat), greift in die Spesenkasse und jettet höchstselbst nach New York – wo die FAZ bereits einen Kulturkorrespondenten hat –, um sich in all seiner konsumunkritischen Erbärmlichkeit tatsächlich in die Schlange vorm Apple-Store einzureihen. Von dort brachte er Premium-Informationen mit (»diese kleine Wundermaschine, die nicht bloß ein Telefon ist, sondern auch noch ein iPod, ein Internetbrowser, ein Fotoalbum und die Wettervorhersage«) und den fünften Gratiswerbungsartikel. Und wir lernen: Produktberichterstattung is the new Feuilleton.
Rund und schön wurde alles nämlich erst eine Woche später, als die FAZ in ihrer samstäglichen Feuilletonbeilage »Bilder und Zeiten« nun auch selbst im Rahmen der ahnungslosen Technikberichterstattung tätig werden wollte. So durfte endlich der eh schon vor Ort installierte Jordan Mejias ran, der es tatsächlich schaffte, die beiden ohnehin trostlosen Themenkomplexe in eins zu setzen: Brav schwärmt er in seinem fast ganzseitigen Promo­artikel vom 7.7., nachdem er erneut vor dem Apple-Store stundenlang in der Schlange gewartet hat, von der »multifunktionalen Herrlichkeit« des Geräts (»reine Magie«), referiert abermals die Gebrauchsanleitung (»… leicht mit den Fingerspitzen zu berühren, um, je nach Wahl, das Internet, das persönlich abgespeicherte Musik- und Videoprogramm, SMS oder E-Mail, die Börsenkurse des Tages, das Wetter von Morgen, die heißesten Hits von YouTube heraufzubeschwören«) und stellt fachmännisch fest: »Auch wenn das Designwunder nicht funktionieren sollte, wäre es doch, unter rein künstlerischen und gestalterischen Gesichtspunkten, seine 599 Dollar (8GB) plus Steuer wert.« Mindestens.
Dann ist es endlich soweit: Der Telefonkritiker schaltet das Gerät ein und den Kopf aus (»Ich will wirklich nicht mäkeln«), und tatsächlich: »Mit etwas Logik und Computererfahrung« schafft es Mejias, ein Telefon zu bedienen. Aber er kann noch mehr – er kann im Netz surfen. Ein Wunder! »Die Website dieser Zeitung strahlt mir in allerreinstem Blau entgegen«. Nicht zu fassen.
Und nun – und das hat uns dann wahrlich mit allem versöhnt – macht der Reporter das, was seine werweiß Neigung fordert und wofür Männer wie Mejias hochwertige Mobiltelefone brauchen: Er will nämlich »bei YouTube« nachsehen, »was zurzeit an Streisand, vielleicht sogar aus Berlin, vorrätig ist«.
Tusch, Blitz, Applaus.
Dankbar verneigt sich:

Titanic

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2007-09-01

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