
„Berlin?“
„Vonwegen…“
Chronotope. Orte, an denen die Zeit anders läuft als gewöhnlich. Heterotopien. Räume, die nach anderen Regeln funktionieren. Mit der notwendigen Möglichkeit von Reflexion der bestehenden Norm. Utopien. Unmöglichkeiten.
“Ohne scheiß?”
“In echt.”
„Warste schon auf’m Tempelhof?“
„Stanni.“
„Is’ geil, nä?“
„Ja, voll“
Sie sagen nichts, schauen sich um.
„Der Tempelhof…“
„Der Tempelhof.“
Orte, an denen man den Horizont sehen kann. Davon gibt es nicht viele in Berlin. Vielleicht eine Hand voll. Dazu durch brusthohes, wildes Gras streifen. Einmalig. Wenn die Lenkdrachen ihre Formationen fliegen, wenn Wolkenburgen ziehen, über dem grenzenlos scheinenden Hof des Flughafengebäudes, die Sonne schon tief steht, allein sich zeigt, alles sich zeigt, in einem milden, dämmernden Licht, wie es nur selten ist, dann stimmen Dinge, die sonst stumm bleiben.
„Abends is schön.“
„oh ja. Sehr schön.“
„Lenkdrachen synchron.“
„oh ja.“
Monate nach Stillegung des Flugbetriebs. Neue Perspektiven. Ein Stadtmensch, der die gewaltige Breite einer Regenfront zu sehen bekommt. Meistens regnet es in die Gassen des verwinkelten Labyrinths, das wir Stadt nennen. Aber einen Blitz sehen. Wetterleuchten. Irgendwas Sphärisches.
“Das mal was anderes.”
“Alta.“
“Richtig.”
Da wünscht man sich ein Haus. Oder einen Baum. Einen großen Baum, oder eine ganze Baumgruppe. Vielleicht einen Blitzableiter. Am besten doch ein Haus. Davor ein paar Bäume und einen Blitzableiter. Eine Kathedrale wäre gut. Unchristlich von mir aus. Ein Tempel macht Sinn. Allein aus dem Grund, um dem Tempelhof seinen Tempel zu bauen. Wort halten. Auch eine wichtige Sache. Allgemein im Leben und vor allem bei Berlinern.
„Kommt da eigentlich noch was rauf?“
„Ja.“
„Was denn?“
„Ein Tempel.“
„Echt?“
„Echt.“
„Und wie sieht der aus?“
„Is’ ‘nen kleiner Tempel.“
„Phallus wäre auch schön.“
„Ja, schön wär’ das.“
„Ham wa noch nich in Berlin.“
“Nee.”
„Ein Obelisk.“
„Die Nofretete in groß.“
„Nee. Die in echt.“
„Im Tempel.“
„Genau.“
„Ein Nofretetetempel also.“
„Ja, warum nich’.“
„Ja, warum nich’.“
„Oder halt doch einen riesigen Phallus.“
„Ja. Ginge sicherlich auch.“
„Ja.“
Die Startbahn senkt sich ab hier. Sie stehen einen Moment auf dem großen X. Schauen sich um. Das Radar steht still und weiß in der Landschaft. Das durchsichtige Rauschen der Autobahn. Im Süden zeichnet ein Kraftwerk seine Spuren auf hellblau. Als sie bemerkt, dass sie ihn anguckt, lacht sie. Bis zum Ende der Startbahnen sind es noch 3,5 Kilometer Zeit für Ideen.