Eines Samstags kniff ich die Arschbacken zusammen und marschierte, wenn auch völlig verkatert, ins „neue Museum“.
Um ehrlich zu sein wusste ich nicht was mich erwartete.
Aber in Berlin wird KULTUR ja groß geschrieben und alle machten so ein riesiges Brimborium um diese Hütte – also in jedem Fall gut mal drin gewesen zu sein.
Nach der dritten Aspirin und vier Plastikbechern Wasser aus einem Wasserspender konnte es los gehen:
Pipo, das ist Geschichte, Geschichte das ist Pipo.
Geschichte und ich verstanden uns die ersten zwei Ausstellungsräume lang „gut“, im dritten „geht so“ und im vierten bereits erlag ich meinem Kater und begann abzuschweifen – der Audioguide rutschte mir von den Ohren und meine Aufmerksamkeit galt nur noch den Menschen um mich herum.
Ich klinkte mich spontan in eine gebuchte Museumsführung ein und erfuhr, dass es nur noch fünf Räume dauert, bis die Nofretete kommt. Ich hielt inne…
Nofre… wer? Warte mal, kenn’ ich doch… kurz gegrübelt, ach ja! Wandertag fünfte Klasse… ägyptisches Museum…BINGO: DIE Nofretete. Better known as „ Die Königin von Ägypten“ aka. „Die schönste Frau der Welt“. Damals eindeutig eine Nummer zu groß für mich, aber heute? Gut zehn Jahre später? Ich konnte es kaum abwarten… noch vier Räume, noch drei Räume, ich peitschte meine Begleitung durch Ruinen, ganze Bibliotheken aus Papyrus und bemalten Wüstenschmuck, dann war es soweit: Nur noch ein einziger Raum. Noch mal kurz bei einer Tourigruppe reingehorcht: Ah, im „Nofretete – Raum“ darf also nicht gesprochen werden, man bitte um Verzeihung, aber das Antlitz der Königin soll in aller Stille und mit dem nötigen Respekt betrachtet werden…blablabla – ich stürmte hinein!
Doch was mich hier erwartete, war alles andere als die erhoffte Zweisamkeit zwischen mir und Nofretete. Die Besucher wurden nämlich jetzt schon seit fünf Räumen so dermaßen angeheizt und aufgegeilt um sie dann im letzten Moment zu totaler Contenance zu zwingen – das geht eben in die Hose.
Der Raum der „königlichen Ruhe“ entpuppte sich als ein Raum mit original „Hallenbadakustik“. Jeder Schritt auf dem Boden, jedes Flüstern der rund 50 Besucher, jedes Husten, jedes Räuspern vermischte sich zu einem Geräuschintermezzo der ganz besonderen Art. Von allen vier Seiten ist die Nofretete zu betrachten, was dazu führte, dass die Horde ständig in Bewegung war. Als ich mir also gerade ein optimales Sichtfenster auf Nofretetes Mundpartie erkämpft hatte, schob sich wieder eine Reisegruppe von links direkt vor meine Nase.
Die vielen Leute, die ständige Bewegung, die Geräusche – ich empfand genau das Gegenteil von dem was ich sollte, nämlich … Unruhe!
Was ich noch nicht wusste, das „Fortefortissimo“ von Unruhe stand mir noch bevor. Denn auf einmal peitschte eine Stimme, die so klang als hätte man der Gorillamutter im Berliner Zoo ihr Neugeborenes geklaut, durch den Raum: „ EYYYYY, WAT DENN WAT DENN!!! KEINE FOTOOOOS!!! KÖNN’ SE NICH LESEN??!! … schrie es aus zwei Ecken fast gleichzeitig. Alle Augen im Raum richteten sich auf eine Person.
Im selben Moment sprang ein dritter leicht übergewichtiger Museumsaufseher im klassischen Hellblau-Dunkelblau-Dress (mit Schlüsselkette) aus dem Nichts vor die Linse einer kleinen Digitalkamera, die gerade im Begriff war auszulösen.
Innerhalb von 0, 357 Sekunden war der Feind umzingelt.
Es handelte sich um eine Frau mittleren Alters die genau vor 0, 358 Sekunden in aller Seelenruhe ein Urlaubsfoto knipsen wollte – denkste… nicht hier, nicht mit ihnen. Ich weiß nicht wo die drei Herren in Blau so schnell herkamen, ich weiß nur: mit denen war nicht zu spaßen. Die Jungs nahmen ihren Job soo richtig ernst.
Ab jetzt galt meine Aufmerksamkeit nur noch den ´´BlueBoys`.
Das waren eigentlich arme, versoffene, gescheiterte berliner Existenzen, aber hier fanden sie ihre Bühne. Schließlich beschützen sie ja nicht irgendwen, sondern die (!!) Nofretete, die schönste Frau der Welt. Sobald auch nur ein Besucher seine Arme anwinkelte um vielleicht nach seiner Kamera zu greifen, wurde er von sechs Augen dreimal gescannt – keine Chance! Berlin bleibt hart!
Ich stellte mir vor, wie die drei am Düsseldorfer Flughafen ihre Karriere als „Sonderbeauftragte“ für Nacktscanner fortführen würden und ließ die Nofretete, ihre Bodyguards und eine völlig verstörte Museumsbesucherin zurück. Vielleicht gehe ich mal wieder hin, dann aber nur der Aufseher wegen.
In tiefer Ehrfurcht vor seinem unermüdlichen Einsatz im Dienste der Pressefreiheit widme ich diesen Text dem Fotografen dieses Fotos.
„Diese Stadt ist fett, diese Stadt ist betrunken, diese Stadt hat ständig Durst und Hunger und heißt: »Gargantua und Pantagruel kommen nach B., um zu saufen, zu zechen, Weiber aufzureißen und sich den Bauch vollzuhauen.« (…)“
Geniale Schreibe: Artur Becker, der neue Autor in Residency im Bleibtreu wird am 29.1. lesen – mit Wodka und Gulaschbombe im leer stehenden Nachbarhaus vom Bleibtreu. Scheint ein Erlebnis zu werden.
Infos und Adresse unter Literaturraum.de
Alle Jahre wieder findet in Berlin ein Kulturaustausch zwischen Berlin und Istanbul statt. Der Mittelpunkt dessen ist Kreuzberg, woraus der Name Kreuztanbul ensteht. Zwischen dem 12. und 16. November gibt es Musik, Kunst, Filme und weiteres an verschiedenen Orten in der Stadt. Wer Lust hat, die Konzerte halten bestimmt einige Highlights bereit. Eine davon ist die Dolepdere Big Gang, live sicherlich ganz witzig, aber anfangs auch gewöhnungsbedürftig…
Was haben wir fürstlich gespeist?! – Am Diensag waren Marie und ich in der Bar 25 zum Abendessen. Genauer gesagt im angrenzenden Restaurant mit Spreeblick und C-Promi-Garantie. Nach einer berlintypisch patzigen Begrüßung bekamen wir einen etwas exponierten Zweiertisch inmitten des Berliner Feier-Publikums zugewiesen…und eine Karte, die – wenn auch sehr übersichtlich – hervorragend komponiert war. Erstaunlicheweise saßen unter den hippen Gestalten vereinzelt auch Familien mit Kindern und ältere Herrschaften – offensichtlich hat er gute Ruf des Restaurants die große Runde gemacht…
Das Ambiente hat ein bisschen was von einem offenen Westernsaloon mit Spreeblick: Holzdielen, derbe Deko und sehr spartanisches Interieur.
Demgegenüber stand das feine und ausgesprochen leckere Essen:
Wir genehmigten uns als Aperitif einen AFTER 25HOURS (Limetten-Orangen-Aperol-Whiskey-Elevator) und gingen dann direkt zur Vorspeise über:
Französischer Ziegenkäse mit Honig und Chili gratiniert auf hausgemachtem NussVollkorncrostini mit Ruccola und zweierlei Chutney & Vitello Tonnato mit Dinosaurier Tonno dazu Blumenkresse, Rauke und Kapern
Nach dem ersten Gang wollten wir erst dasselbe nochmal bestellen, da die Vorspeise so immens lecker war! Um aber nichts unversucht zu lassen, ließen wir uns von dem aufmerksamen und komplett tatoowierten Personal den Hauptgang bringen:
Lammkarré auf marokkanischem Schmorgemüse an einer JoghurtMinzsauce dazu CousCousTimbal & Ranchgemachte Ravioli “Vasco di Gamma” mit Feuerbuschtomaten, BioRicotta aus Sardinien, dazu Kokoscaramelsauce und Gemüsekräutergarten.
Als Nachspreise gab’s Créme Brûlèe mit Heidelbeeren - göttlich!
Preislich sicherlich nicht ganz billig, ist es aber ein spannendes und kulinarisches Erlebnis. Die Stimmung ist angenehm entspannt und locker. Das Personal war aufmerksam und obwohl es sehr gut besucht war, kam das Essen schnell. Solltet ihr also das nötige Kleingeld haben, rate ich euch noch schnell einen Tisch zu reservieren und in der idyllischen ‘Ranch’ am Spreeufer zwischen den uralten berliner Bäumen schmausen zu gehen…
Die Bar 25 schließt Ende August.
Bitte ganz fett in den Fête de la Musique-Kalender eintragen: Kommenden Sonntag bittet die Elektroschelle erneut zum Tanz. Und wenn das Wetter mitspielt, wird’s sicher großartig
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