©Petra Klebe
Samstag Nacht auf dem Weg von Neukölln zur Warschauer Straße. Am Kotti tobt wie immer das Leben. Eine kleine Gruppe von jugendlichen Neo-Ravern mit Bollerwagen und Soundsystem, pilgert zur U8 hinunter. Sie sehen unbeschwert und glücklich aus. Der pure Hedonismus. Eine Aneignung der Stadt ohne politische Botschaft. Berlin als Spielplatz.
Auf dem Weg zur U12 stoßen wir auf die nächste Feiermeute. Zu unserer Überraschung gibt es hier keine elektronische Musik zu hören. Nur ein Mann mit Gitarre. Er singt „I wanna be with you“ und seine zahlreichen Fans stimmen laut und mit Inbrunst mit ein. Ihre Gesichter sind gedankenverloren, geradezu verträumt. Die Hand in den Haaren geben sie sich ganz der Musik und dem Moment hin. Ein Typ in Bench Klamotten trägt, wie passend für diesen Abend, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Music was my first Love“.
Oben am Bahnsteig zwängen wir uns mit weiteren Feierwütigen in die U-Bahn. Auf der einen Seite die spanischen Touristen, laut und unverständlich grölend. Auf der anderen Seite entnervte Deutsche, die wahlweise „Nur nach Hause“ oder „FC Bayern“ dagegen ansingen. Das ganze möglichst laut, um die anderen auch zu überstimmen. Die U-Bahnfahrt gleicht einem musikalischen Kriegsschauplatz, der einen wahrlich anstrengt.
Angekommen an der Warschauer Straße müssen wir erstmal verschnaufen und verarbeiten. Wir brüllen am U-Bahnhof einfach auch mal laut los, merken aber sogleich, dass es keinen interessiert und wahrscheinlich auch keiner merkt.
Wir stellen fest, dass wir „unser“ Berlin nicht mehr wiedererkennen. Während eine nächtliche U-Bahnfahrt durch Kreuzberg früher einfach nur eine unterhaltsame Freak-Show war, ist sie jetzt zum gesichtslosen Ballermann mutiert. Ist das jetzt unser fortgeschritteneres Alter („Müssen die immer so laut sein?“) oder einfach nur Kulturpessimismus („Früher war eh alles besser!“)?
Weder noch! Ohne es jetzt deuten zu wollen, Berlin wandelt sich so schnell, dass man als Bewohner kaum hinterher kommt. Ein großer Teil der zahlreichen Berlin-Touristen scheint die Stadt als Ort der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten zu sehen. Genauso die Unmengen von Künstlern, Kreativen, Alternativen, Verrückten und Revoluzzern aus der ganzen Welt. Berliner wie Nicht-Berliner schätzen diese besondere Mischung, die die Stadt kennzeichnet. Berlin als ewig junge Stadt und als Inkarnation von Freiheit.
Wenn Freiheit aber als Möglichkeit verstanden wird, sich gleichgültig und uninteressiert zu zeigen, wandelt sich Berlin irgendwann zu einer austauschbaren Partymeile. Was man dagegen tun kann, sei jedem selber überlassen. Die Politik könnte ja vielleicht mal ein Hostel weniger in Xberg zulassen. Und jeder selbst kann sich ja mal Gedanken darüber machen, was ihm/ihr Berlin bedeutet und in welcher Stadt er/sie leben möchte. Damit wäre schon viel getan.